Im grünen Reich der Wildkräuter und seltenen Blumen

23.08.2022, von Anke Sademann

Kräuterverbena: Die grün-florale Parallelwelt der Ina Schirmer

Seit über zwei Dekaden ist es Ina Schirmers Mission, Menschen das Gartentor zur Schönheit und Vielfalt ihres Kräuterverbena-Gartens zu öffnen. Gerne teilt sie das uralte Wissen über die Heilkräfte der Natur, das ihr die Großmutter schon vermittelte. Die studierte Phytopraktikerin möchte Besucher:innen sensibilisieren, selbst Wildkräuter am Wegesrand zu entdecken und als wertvolle, natürliche, aber vor allem regionale Ressource wertzuschätzen. Bei ihren köstlichen Kräutermenüs er-schmeckt man sich die florale Welt und nimmt viele Tipps mit nach Hause.

Manchmal sind ein Ort und ein Mensch füreinander bestimmt.

Seit 25 Jahren lebt Ina Schirmer in ihrem Kräuterverbena-Gartenreich. Das war nicht immer so groß und voller floraler Üppigkeit. Nachhaltig hat die heute Fünfzigjährige quasi ein halbes Leben Liebe, Wissen und Kraft in ihn investiert. Der Garten ist zu ihrer persönlichen Lebensraum-Metapher geworden - ein Alter Ego, ein energetisches Dialogfeld, ein Spiegel und ein zum Bild gewordener Wertekreislauf. Natur pur. Ein Garten ist wie ein Freund fürs Leben, den man mit viel Zuneigung umgarnt und der sich durch treues Ergrünen und - Blühen aber auch mit kleinen Überraschungen bedankt.

Das Magische an diesem Ort

Die bei Leipzig geborene, studierte Phytopraktikerin, Hypnosetherapeutin und Heilpraktikerin hatte als Kind bereits 500 Meter vom Garten entfernt gelebt, ohne die zukünftige Verbindung zu erahnen. „Meinen ersten Impuls mich mit Kräutern zu beschäftigen hatte ich durch meine Oma, bei der ich auf dem Land aufgewachsen bin. Wir haben Kamille und Lindenblüten gesucht. Früher gab es richtige Sammelstellen, wo die Kräuterfrauen säckeweise ihre Tagesernte abgegeben haben. Sie haben das alte Wissen wie einen Schatz bewahrt und gerne weitergegeben.“ 

Ina Schirmer ist ihren eigenen Weg gegangen, hat als Diätassistentin gearbeitet bis ihr Garten sie fand. Als hätte das leerstehende Gelände mit dem ehemalige Bahnwärterhäuschen 1997 auf sie gewartet. Man nimmt sich einem Ort an und steckt Liebe und viel Arbeit rein, bis ein Bild entsteht. Tägliche Arbeit zu einer Berufung wird. Das Wissen der Großmutter lebt in der in sich ruhenden Kräuterfrau weiter. Aber auch die Faszination zu einer fast archaischen Naturverbundenheit und über die Jahre viel Angelesenes von Autor: innen wie Hildegard von Bingen, die das Ur-Wissen mit moderner Medizin verbinden, investiert die Kräuterexpertin in ihre Lebensberufung. Mit ihrem kleinen Muttermal über dem Mund und der „zufällig“ zugelaufenen Tiger-Katze, die ihr wild aber wohlwollend um die Beine streicht, wirkt sie wie eine aus einem dicken Märchenbuch gesprungene gute Kräuterhexe 2.0. Doch Schirmer ist geerdet und versteht es, ihre Liebe zum Archaischen und den 1001 Blüten in ihrem Zaubergarten mit einem ganzheitlich durchdachten, nachhaltigen Konzept zu verbinden. Ihre Website und Social Mediakanäle leiten mit Impressionen und Informationen durch ihr vielseitiges Angebot.

Neben entschleunigten Führungen durch ihren Garten möchte sie ihre Gäste vor allem für die „Unkräuter“ begeistern, die vor dem Gartentor, im engen Radius ums Haus und am Saum des Waldes wuchern. Wachsen Giersch, Löwenzahn, Brennnessel oder Spitzwegerich doch auch bei den Gästen im eigenen Gefilde. Man muss die Augen nur achtsam beim nächsten Wald- und Flurspaziergang schweifen lassen oder die wilden Schätze im Garten nicht einfach unachtsam ausreißen. Bei Ina Schirmer landen die bitter-säuerlichen ungezähmten Kräuter mal im Salat mit Sauerklee-Blütentopping oder einem samtig grünen Süppchen als Teil des wechselnden dreigängigen Kräutermenüs. „Aus Wildkräutern, Wurzeln und Beeren, die man auf Wiesen oder in Wäldern findet, bereiteten schon unsere Vorfahren wohlschmeckende und gesundheitsfördernde Köstlichkeiten,“ schwärmt die Kräuterfrau. „Ich nehme mir immer viel Zeit, bin ganz ruhig und dann findet mich etwas oder es kommt ein Fuchs vorbei,“ sinniert die Gastgeberin. 

So wie sich der Garten jedes Jahr anders zeigt, richten sich auch Schirmers Menükreationen nach der tagesaktuellen Pflückernte. Auch regionale Gastronomen der gehobenen Küche Usedoms schätzten Schirmers mühevoll gesammelten Kräuterschätze. So finden sich Sauerklee-Eis oder Giersch-Pesto auf der Menükarte. Wer statt einer längeren Kräuterwanderung (Mai bis September) lieber eine heilsame Kräuterstempelmassage genießen möchte, ist herzlich eingeladen, diese mehr als 2000 Jahre alte Technik aus Asien kennenzulernen.
Der Kräuterdampf beruhigt den Geist. Überall in der Kräuterverbena vermischen sich fein-ätherische Düfte mit farb-floralem Augenschmaus. Neben den gängigen Aromapflanzen sind vor allem seltene, immer etwas magisch klingende Gewächse mit kleinen Geschichten zu entdecken: Zypressenartige Lebensbäume wie die Thujen wachsen friedlich neben Rosenbäumchen und Goldlauch. Würzig duftet das mexikanische Moxakraut, das auch als Traumkraut oder Präriebeifuß bekannt ist. Der Tonkabohne sagt man eine aphrodisierende Anziehungskraft nach, und sogar die antivirale, sehr selten zu findende „Götterpflanze“ Artemisia Annua - einjähriger Beifuß - ist bei einer Führung zu entdecken. Heilsamen Duft verströmt das Styrax. Auch das orientalische Räucherharz - eines der weltweit ältesten - findet sich, wie viele andere olfaktorische Neuentdeckungen aus dieser Kräuterparallelwelten in handgebundenen Räuchersticks, Kräutersäckchen oder pulverisierten Tees im kleinen Kräuterladen.

Jedes Jahr wächst etwas anders im Kräuterverbena, und ein neues Bild entsteht. 

So blühte dieses Jahr das erste Mal nach sechs Jahren der Bienenbaum: der Nektar von einer Blume reicht aus für den Magen einer Biene. So viel Wissenswertes lernt man hier beim kurzweiligen Vorbeigehen am Wegesrand. Die Zeit verfliegt, dabei geht das Programm mit Wanderung und Menue vier Stunden. Das Bild eines Gartens wuchert und treibt seine Knospen ins Herz, in ein sich Erinnern an das Hergebrachte. Man wird hier andächtig – und die wohlige Ruhe dieses sorgsam behüteten Ortes strömt sofort ins vegetative Nervenkostüm mit Selbstheilungseffekt. Besondere Menschen finden besondere Orte und umgekehrt. So geht es auch den Menschen, die die grüne Pforte zum Kräuterverbene übertreten und diese Aura der Zeitlosigkeit spüren, riechen, sehen und tief in sich etwas Vergessenes wiederentdecken.

Hier gibt es weitere Infos zum Kräuterverbena-Garten.

 

Über die Autorin: Anke Sademann

Die Green Lifestyle- und Reisejournalistin und Autorin Anke Sademann streift nicht nur durch europäische Gefilde. Auch ihre Wahlheimat Berlin und sein Umland bis hoch zur Küste erkundet die Slow-Travel-Spezialistin seit mehr als eine Dekade. Anke Sademann schreibt für diverse Magazine und Zeitungen mit dem Fokus auf nachhaltiges Leben. Sie hat auch unsere Sonneninsel besucht: Authentisch und nahbar vermittelt sie ihren ganz persönlichen Blick auf Usedom und seine nachhaltigen Reiseangebote.

Fotos: Anke Sademann