Philipp Aumann
Magazin

Inselgesicht: Kurator Dr. Philipp Aumann

06.12.2023, Usedom Tourismus GmbH

Das Historisch Technische Museum Peenemünde informiert über die Geschichte der ehemaligen Versuchsstellen Peenemünde. Wie sich der Blick auf das ambivalente Thema verändert hat, weiß der Kurator und wissenschaftliche Leiter Dr. Philipp Aumann.

Neues Konzept stellt Peenemünde in den Fokus

 

 

Sie erarbeiten gerade das Konzept für die neue Dauerausstellung. Wie hat sich der Blick auf Peenemünde in den 20 Jahren verändert?

Wir wollen die Geschichte neu erzählen. Die bisherige Ausstellung arbeitet sich am Wohl und Wehe der Rakete ab. Einerseits war die V2 Rakete eine epochale Innovation, andererseits hat sie im Zweiten Weltkrieg Tod und Zwangsarbeit gebracht. Mit dem neuen Konzept verstehen wir die Rakete lediglich als Produkt von Peenemünde. In den Mittelpunkt stellen wir den Ort, an dem dieses und andere Produkte entstanden sind. Denn der Ort ist unser Alleinstellungsmerkmal. Und wir wollen die unterschiedlichen Betrachtungsweisen zur Diskussion stellen. Denn wir sind überzeugt, dass man Peenemünde nicht mehr verstehen kann, ohne auch das 80 Jahre lange Nachdenken über Peenemünde zu verstehen.

Zwei Personen vor dem Historisch-Technischen Museum Peenemünde
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Wie wird die zukünftige Ausstellung an das Thema heran gehen?

Wir wollen den Weg von der ersten Idee, einen Krieg durch überlegene Technik zu gewinnen, bis zur Realisierung und dem Einsatz der Rakete erzählen und fragen: Was ist dieser Ort, wer arbeitete hier, was waren die Motive und Erwartungen an die neue Technik? Wir können hier vor Ort die damalige Infrastruktur zeigen, den irren Aufwand und die Arbeit von tausenden von Menschen anschaulich machen. In der neuen Ausstellung wird es auch um die Frage des „Warum“ gehen: Was hat sich die Wehrmachtsführung damals davon versprochen? Wie, dachten sie, können sie den Krieg gewinnen? Die Ausstellung wird das Rüstungszentrum zwischen 1936-1945 vorstellen und die Strategien der hochtechnisierten Kriegsführung zeigen. Drumherum werden wir uns mit kleinen Ausstellungen dem Ort Peenemünde aus unterschiedlichen Perspektiven nähern. Warum konnten die Ingenieure nach Kriegsende nahtlos weiterarbeiten? War Wernher von Braun ein Genie oder ein Verbrecher – oder beides? Welche Rolle spielt Peenemünde in der Raumfahrtgeschichte? Wie haben die Versuchsstellen Peenemünde die Landschaft der Nordspitze der Insel geprägt und umgekehrt?

Auf den Ferieninseln Rügen und Usedom sind die Spuren aus der Zeit des Nationalsozialismus präsent. Wie vertragen sich Prora und Peenemünde mit dem Tourismus?

Prora und Peenemünde sind unbequeme touristische Angebote. Nicht schön oder lustig, aber doch sehr interessant. Wir erleben, dass die Urlauber durchaus bereit sind, sich mit diesem ernsthaften Thema zu beschäftigen. Das ist auch Sightseeing. Das funktioniert im touristischen Sinne wie die Bädervillen – nur inhaltlich herausfordernder. Das Monumentale ist im Wortsinn attraktiv und beeindruckend. Unsere Aufgabe ist es, dass es nicht beim Wow-Effekt bleibt, sondern wir mit dem Museum nachdenklich machen.

Wer sind die typischen Besucher des Museums? Wen sprechen Sie mit der Ausstellung an?

Zu 80 Prozent sind unsere Besucher Touristen, aber das Museum richtet sich auch an Einheimische. Der Anteil internationaler Besucher ist verhältnismäßig hoch. Er liegt bei ungefähr 15 Prozent, darunter sind viele Tagestouristen aus Polen. Das sind wesentlich mehr als auf der Insel oder in Mecklenburg-Vorpommern. Da gibt es gerade mal drei Prozent ausländische Urlauber. Für das Image des Landes spielt Peenemünde eine große Rolle, es ist gewissermaßen ein Leuchtturm. Es gibt nicht wenige, die extra wegen Peenemünde hierherkommen. Ich hatte mal einen Besucher aus den USA, der auf einer Europareise von London schnell noch einen Abstecher nach Peenemünde gemacht hat. Weil er gerade in der Gegend war (lacht). Oder Passagiere von Kreuzfahrtschiffen, die das Programm in Rostock schwänzen und mit dem Taxi nach Peenemünde fahren. Diesen Leuten geht es darum, einmal im Leben Peenemünde gesehen zu haben.

 

Ein Mann betrachtet ein Infoscreen im Historisch-Technischen Museum Peenemünde.
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Peenemünde ist ein Ort der Wissensvermittlung.

Die Arbeit mit Schulen ist uns sehr wichtig. Wir sind als außerschulischer Lernort anerkannt. Regelmäßig kommen Schulklassen aus der Region zu uns, um vor Ort zu lernen. Wenn die Jugendlichen die Spuren der Vernichtungsdiktatur sehen, verstehen sie, was das mit uns zu tun hat. Wir binden sie mit Workshops aktiv ein. Zum Beispiel bauen wir gerade den Gedenkort für das KZ-Außenlager aus. Dafür haben drei Schulklassen die Namen der Häftlinge handschriftlich für die Tafeln geschrieben. Jedes Jahr treffen sich Jugendliche aus aller Welt zu internationalen Sommercamps in Peenemünde. Sie helfen uns dabei, die Ruinen der Denkmal-Landschaft freizulegen. Der wichtigste pädagogische Wert ist natürlich, dass sich die Jugendlichen kennenlernen und Freundschaften schließen.

Peenemünde ist inzwischen auch ein Ort für Kultur. Welche Bedeutung haben Kunst und Konzerte für den Ort?

Durch die Kunst kommt eine andere Ebene rein. Künstler sehen mit anderen Augen, sind assoziativ, emotional, persönlich oder manchmal auch provokativ. Maler, Filmemacher und Musiker können unseren wissenschaftlichen Ansatz wunderbar ergänzen und die Betrachter zum Nachdenken anregen. Nicht zuletzt sprechen wir mit den kulturellen Angeboten auch ein anderes Publikum an. Bei den Peenemünder Konzerten spielen die internationalen Nachwuchs-Musiker der Baltic Sea Philharmonic an dem Ort zusammen, wo früher ein zerstörerischer National-Chauvinismus in extremer Form herrschte.

Orchester auf einer Bühne des Kraftwerkes Peenemünde
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Es ist kein leichtes Thema mit dem Sie täglich zu tun haben. Wie schaffen Sie für sich den Ausgleich dazu?

Ich habe natürlich eine professionelle Distanz zum Thema. Das darf allerdings nicht alltäglich werden. Wir müssen uns immer bewusst machen, dass wir hier eine unerhörte Geschichte erzählen. Das ist ganz wichtig, denn sonst stoßen wir die Besucher vor den Kopf. Abstand bekomme ich durch kulturelle Erlebnisse. Wir haben das Glück in einer touristischen Region zu leben, wo es ein kleines Theater, ein nettes Kino oder das Till-Richter Museum mit zeitgenössischer Kunst gibt.

Haben Sie sich während Ihres Studiums oder bei früheren Stellen schon mit ähnlichen Themen beschäftigt?

Das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft, Technik und Gesellschaft hat mich immer schon fasziniert. Dabei geht es mir nicht so sehr darum, die Technik bis zur letzten Schraube zu verstehen. Mich interessieren die Hoffnungen, die in technische Neuerungen gesetzt werden, und die Konsequenzen für Mensch und Umwelt.

Sie stammen aus Süddeutschland und haben in München und Wien studiert. Hätten Sie sich damals vorstellen können, auf der Insel Usedom heimisch zu werden?

Die Insel Usedom war ganz bestimmt nicht auf meiner Bucket List. Ich bin im Allgäu geboren und in Augsburg aufgewachsen. Dort gehört für viele Frankfurt schon zu Norddeutschland und Usedom fast schon zum Baltikum. Aber es lebt sich sehr gut hier. Als Schwabe würde ich sagen: Ist in Ordnung. Das ist schon ein großes Lob. Diese Nüchternheit der Schwaben verträgt sich gut mit der Mentalität der Insulaner.

Haben Sie einen Lieblingsort auf der Insel?

Im Sommer verabrede ich mich gerne nach der Arbeit mit meiner Familie am Strand von Peenemünde oder Zinnowitz. Wenn die Urlauber nachmittags nach Hause gehen, bin ich sehr gerne am Strand. Ein schöner Ort zum Wandern ist auch die Südspitze vom Gnitz.

 

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Karina Schulz für usedom.de am 24.11.2023.

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