Wenn ich die Seebrücke sehe, bin ich glücklich!

14.04.2022, von Karina Schulz

Interview mit Frauke Scheunemann über ihre Liebe zur Insel, kauzige Gesprächspartner und ihren neuen Usedom-Krimi

 Frauke Scheunemann ist bekannt als Autorin romantischer Familienromane, Kinder- und Jugendbücher. Die Geschichten rund um Dackel Herkules und Kater Winston belegten monatelang die Bestsellerlisten. Nun erscheint mit „Der Tote im Netz“ der erste Kriminalroman von Frauke Scheunemann. Tatort ist der Hafen des fiktiven Fischerdorfes Zeglin auf der Insel Usedom.

 

Mit „Der Tote im Netz“ haben Sie zum ersten Mal einen Krimi für Erwachsene geschrieben. Aber Sie sind mit dem Genre bereits vertraut, denn auch Kater Winston, der Titelheld Ihrer Jugendbuchreihe, löst Kriminalfälle. Wie unterscheidet sich die Herangehensweise, wenn Sie für Erwachsene schreiben?

Der größte Unterschied ist, dass das fantastische Element fehlt. In Krimis für Erwachsene gibt es zum Beispiel keine sprechenden Tiere, die den Protagonisten zur Seite stehen. Auch ist die Handlung viel komplexer angelegt. Die dramaturgische Erzählstruktur ist eine andere, wenn man die Geschichte auf 400 statt auf 200 Manuskriptseiten ausrollt. In Kinder- und Jugendbüchern spielt Freundschaft eine sehr große Rolle. Anders als bei Erwachsenen steht dabei der romantische Aspekt nicht so sehr im Vordergrund. Kater Winston verliebt sich zwar in die Nachbarskatze Odette, aber auf eine eher kindliche Art und Weise. In meinem Krimi wird es in der Beziehung zwischen dem Kommissar und der Journalistin durchaus auch mal knistern. Aber es gibt auch viele Parallelen. Die Logik ist in beiden Fällen wichtig. Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Bei Kindern ist es noch wichtiger, dass sie sofort in den Bann gezogen werden, ein langsamerer Start ist meistens nichts für sie. Erwachsene lesen vielleicht ein angefangenes Buch zu Ende, auch wenn sie anfänglich nicht so begeistert sind. Kinder machen das nicht, wenn sie die Geschichte langweilig finden.

Was hat Sie an der Insel Usedom als Schauplatz für Ihren neuen Krimi gereizt?

Als Kind bin ich oft an der Ostsee gewesen, meine Mutter stammt von dort. Ich bin ein großer Usedomfan. Usedom ist einfach eine wunderschöne Insel. Ich finde den Kontrast zwischen dem schönen Setting und einem schlimmen Verbrechen dramaturgisch interessant. Außerdem mag ich den Menschenschlag hier oben im Nordosten. Die Vorpommer sind zurückhaltend, manchmal kauzig. In jedem Fall drängen sie sich nicht auf. Sie tragen ihr Herz nicht auf der Zunge, aber man sieht in ihren Gesichtern, dass sie sich ihren Teil denken. Das finde ich spannend.

Das Fischerdorf Zeglin ist der Ort des Verbrechens. Ist das ein fiktives Dorf oder hatten Sie einen konkreten Ort vor Augen?

Das Dorf ist fiktiv, aber natürlich hatte ich beim Schreiben einen realen Ort vor dem inneren Auge. Die Handlung von „Der Tote im Netz“ lasse ich im Inselnorden spielen. Ich stelle mir den Ort des Geschehens als Mischung aus dem urigen Hafen von Peenemünde und dem weiter nördlich gelegenen schicken Yachthafen vor. Das passt auch deshalb gut, weil der Fischereihafen Freest direkt gegenüber liegt. Zentrales Thema des Krimis ist der Dauerstreit zwischen den Fischern und dem Fischereiaufseher.

Sie legen großen Wert darauf, dass Ihre Geschichten logisch, in sich stimmig sind. Deshalb haben Sie sich die Locations im Vorfeld angeguckt. Wie haben Sie die Recherche vor Ort erlebt?

Es ist natürlich schön, wenn man das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden kann. Ich bin im Juni 2021 unmittelbar nach dem langen Lockdown auf die Insel gekommen. Die Stimmung war einfach toll. Man hat regelrecht gespürt, wie sehr sich die Insulaner über die Gäste freuen. Ich habe eine unheimliche Gastfreundschaft erlebt. Bei der Recherche macht es Spaß, sich von neuen Details inspirieren zu lassen. Die Geschichte stand natürlich schon. Manchmal entdeckt man vor Ort noch etwas Neues, das viel besser passt als die ursprüngliche Idee. Recherche vor Ort ist durch nichts zu ersetzen. Die Hilfsbereitschaft der Insulaner war einmalig. Gleich mein erster Termin war das Polizeirevier in Heringsdorf. Der Revierleiter meinte, dass bei schweren Verbrechen die Kripo aus Anklam ermittelt. Spontan hat er mich an seine Kollegin in Anklam vermittelt, die mir tolle Tipps gegeben hat. Auch zur Situation der Fischer, zu den Auflagen und geringen Fangquoten haben mich die Hafenmeister und Fischer in der Stadt Usedom und im Fischerdorf Freest sachkundig informiert. Mir war es wichtig, die Sorgen und Nöte der Fischer realistisch zu schildern.

Worum geht es in dem Krimi? Mögen Sie uns schon ein bisschen von der Geschichte verraten?

Franzi arbeitet als Radioreporterin beim Bäderland-Radio in Heringsdorf. Der Ostsee-Lokalsender für Einheimische und Urlauber wird wegen der Frequenz von einem großen Berliner Radiosender aufgekauft. Deshalb sind Franzi und ihre Kollegen in großer Sorge um ihre Jobs. In der Hoffnung, dass die neuen Chefs sie übernehmen, überlegen sie sich eine neue Sendereihe. In dem neuen Kummerkasten-Format können Insulaner ihre Sorgen äußern und direkt Unterstützung bekommen. Erster Fall ist der Fischer Maik Peters aus Zeglin, der sich von der Fischereiaufsicht schikaniert fühlt. Wegen der sinkenden Fangquoten hat er sein Geschäft ohnehin schon auf Ausflugsfahrten mit Touristen verlagert. Jetzt befürchtet er, dass die 200 Jahre währende Familientradition durch Behördenwillkür ganz zunichte gemacht wird. Als Franzi für das Interview zum Hafen von Zeglin kommt, wird der Fischer tot aufgefunden – eingewickelt in sein eigenes Fischernetz.

Mit Journalistin Franziska Mai und Komissar Kay Lorenz prallen zwei sehr gegensätzliche Charaktere aufeinander …

Kommissar Kay Lorenz ist wenig begeistert, dass die Presse schon vor Ort ist, als er am Tatort eintrifft. Franz lässt sich aber nicht abwimmeln, schließlich ist die Presse hierzulande frei. So bleibt den beiden nichts anderes übrig, als sich zusammenzuraufen und den Fall gemeinsam zu lösen. Dabei könnten die beiden gar nicht unterschiedlicher sein. Das Miteinander ist alles andere als frei von Spannung. Kay Lorenz ist Insulaner, sieht aber wegen der Herkunft seines kubanischen Vaters, nicht sehr norddeutsch aus. Vielleicht gibt er sich deshalb betont spröde und zugeknöpft. Franzi wiederum ist eine rheinische Frohnatur, die durch ihre direkte und unkonventionelle Art die Leute aus der Reserve lockt. Dadurch erfährt sie einiges von den Insulanern. Das ärgert Kay Lorenz und macht ihn vielleicht auch manchmal etwas neidisch. Und Franzi denkt sich bestimmt öfters „Mensch, mach Dich doch endlich mal ein bisschen locker“.

Ist „Der Tote im Netz“ Auftakt für eine Serie? Werden Franziska Mai und Kay Lorenz weitere Kriminalfälle auf der Insel Usedom lösen?

Ich schreibe bereits an Band zwei. Er soll im März 2023 erscheinen. Wie es dann weitergeht, wird sich zeigen. Wir wollen erst mal gucken, wie die beiden ersten Krimis bei den Lesern ankommen.

Sie sind promovierte Juristin und haben viele Jahre als Journalistin und Pressesprecherin gearbeitet. Was hat Sie bewogen vom Journalismus zur Schriftstellerei zu wechseln?

Als Journalistin habe ich es immer bedauert, wenn eine Geschichte nicht so ausging, wie ich es mir gewünscht hätte. Natürlich habe immer wahrheitsgemäß berichtet. Aber ich habe gemerkt, dass mir eine schöne Geschichte lieber ist, als eine wahre. Ich tummele mich einfach gerne im Fiktiven. Beim Geschichtenerzählen kann ich mich richtig austoben und bin nicht den Grenzen der Wahrheit unterworfen. Das macht mir einfach mehr Spaß.

Sicher kommen Ihnen manche Aspekte des Jurastudiums für das Schreiben von Krimis zu Gute?

Sprache ist bei der Juristerei ein wichtiges Handwerkszeug. Schließlich möchte man als Jurist überzeugen, und das gelingt mit guten Argumenten und präziser Sprache. Jahrelang bin ich zweigleisig gefahren und habe sowohl als Juristin als auch als Journalistin gearbeitet. Jetzt habe ich mir das Beste aus beiden Welten herausgepickt.

Sie kennen Usedom mittlerweile sehr gut. Haben Sie einen Lieblingsort auf der Insel?

Ich liebe die Ahlbecker Seebrücke. Das war Liebe auf den ersten Blick. Zum ersten Mal habe ich sie in Loriots Film „Pappa ante Portas“ gesehen und mir sofort gedacht: traumhaft schön – da muss ich unbedingt hin! Wenn ich diese Seebrücke sehe, bin ich glücklich.