Frische Ideen für ein traditionsreiches Hotel

07.03.2022, von Karina Schulz

Das Strandhotel Ostseeblick im Seebad Heringsdorf wird, abgesehen von einer fast vierzigjährigen erzwungenen Unterbrechung zu DDR-Zeiten, von Familie Wehrmann geführt. Nach lehrreichen Jahren in Neuseeland, Rostock und Berlin ist Lisa Felicitas Wehrmann auf ihre geliebte Insel zurückgekehrt und als Juniorchefin in das elterliche Hotel eingestiegen.

Frau Wehrmann, Sie sind auf Usedom aufgewachsen. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Kindheit und Jugend und wie hat Sie die Insel geprägt?

Als ich 1993 mit meinen Eltern und unserer Katze von Siegen nach Usedom gezogen bin, war ich vier Jahre alt. Ich erinnere mich noch genau, dass mir die Villen mit den Schnörkeln und Verzierungen aufgefallen sind. Ich dachte, hier müssen Könige wohnen. Allerdings kam mir alles ziemlich düster und kaputt vor. Das war ein großer Kontrast, zu dem, was ich bis dahin kannte. In der ersten Zeit waren meine Kindergärtnerinnen wichtige Bezugspersonen für mich. Von ihnen habe ich mich sehr liebevoll aufgenommen gefühlt. Später war Usedom wie ein riesengroßer Spielplatz. Strand, Baden, die große Freiheit. Bis heute habe ich das Gefühl von Freiheit, wenn ich in die Weite gucke. Ich bin hier sehr gut aufgewachsen. Damals gab es auch für Jugendliche noch viel mehr Möglichkeiten sich zu treffen als heute. Unser Freundeskreis war eine coole Clique. Der Führerschein war eine große Sache. Als Teenager fand ich Usedom natürlich auch manchmal langweilig. Dann habe ich das Urbane vermisst, und die Stadt wurde zum Sehnsuchtsort. Aber Usedom ist die Basis, mein zu Hause.

Nach dem Abitur hat es Sie erst mal in die große weite Welt gezogen?

Nach dem Abitur konnte ich gar nicht schnell genug aus der Tür raus sein. Auf der Insel kennt jeder jeden. Ich wolle ganz weit weg, wo mich niemand kennt. Sieben Monate habe ich mit einer Freundin Work & Travel in Neuseeland gemacht. Eigentlich war das mehr Travel, denn wir haben uns alles angeguckt. Als ich zurückkam musste ich erstmal überlegen, was ich überhaupt machen will. Gar nicht so einfach, wenn man so viele Interessen hat. Zunächst habe ich dann Kommunikationsdesign und Fotografie in Berlin studiert. Nach einem Jahr habe ich nochmal umgesattelt, weil das doch nicht so mein Ding war. Das Studium Soziologie und Erziehungswissenschaften in Rostock war ein Volltreffer. Schon während des Studiums habe ich mich in Richtung Marketing & Kommunikation ausgerichtet und verschiedene Praktika in Berlin und bei der Agentur 13° in Neubrandenburg gemacht. Danach hatte ich mir in den Kopf gesetzt im KaDeWe zu arbeiten. Das war für mich schon immer etwas ganz Besonderes. Jedes Mal, wenn wir nach Berlin fuhren, sind wir ins KaDeWe gegangen. Das waren kostbare Momente. Die ganze Welt unter einem Dach, die Lebensmittelabteilung – ein Eldorado. Das hat mich fasziniert. Nach mehreren Initiativbewerbungen hat es schließlich geklappt. Eine tolle Zeit und eine super Berufserfahrung.

Inwieweit haben Ihre Ausbildungs- und Berufsjahre Sie auf die Aufgaben als Junior-Hoteldirektorin vorbereitet?

Ich habe zwar keine Hotelausbildung, aber ich bin in einem Hotel groß geworden. Ich habe also ein gutes Bild, wie so ein Hotel funktioniert. Meine Tätigkeit beim KaDeWe und später bei der Luxusuhrenmarke Lange & Söhne hat mich darauf vorbereitet, was von mir erwartet wird. Beides sind große Unternehmen, in denen großer Leistungsanspruch herrscht. Ich hatte Glück mit meinen Vorgesetzten, die mich zum eigenverantwortlichen Arbeiten animiert haben. Allerdings ist die eigene Gestaltungsfreiheit in solch großen Unternehmen letztlich begrenzt.

Wann kam Ihnen die Idee, im Hotel Ihrer Eltern einzusteigen? Oder war das schon immer Ihr Plan?

Vor 15 Jahren gab es keinen Gedanken daran. Das Hotel war einfach zu nah, es war ja gewissermaßen mein Elternhaus. Aber während der Semesterferien bin ich immer nach Usedom gekommen und hab im Hotel im Service gejobbt. Ein Schlüsselmoment war, als eine sehr gute Freundin auf einem Spaziergang zu mir sagte: „Wenn Du nicht mit Menschen arbeitest, ist das Verschwendung.“ Während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 war ich zusammen mit meinem Freund eigentlich nur für einen kurzen Stopp auf Usedom, als die Insel komplett dicht gemacht wurde. Das war gespenstisch. Ich wusste nicht, wann ich hätte wiederkommen können, wenn ich zurück nach Berlin gefahren wäre. Also sind wir geblieben, insgesamt acht Wochen. Die Frage, wann es dauerhaft auf die Insel gehen würde, schwang dabei immer mit. Ich bin froh jemanden an meiner Seite zu haben, der mich in dieser wichtigen Entscheidung, nach Usedom zurückzukehren, unterstützt hat.

Hatte die dramatische Familiengeschichte – die Enteignung Ihres Urgroßvaters durch die „Aktion Rose“ – Einfluss auf die Motivation, das Hotel in der nächsten Generation weiterzuführen?

Unsere Familiengeschichte ist sehr präsent. Ich bedaure sehr, dass meine Großeltern nicht mehr leben. Sehr gerne würde ich sie jetzt befragen, wie sie die Zeit während der Enteignung meines Urgroßvaters erlebt haben. Mein Vater kann natürlich viel erzählen, aber er hat das Ganze selbst aus der Perspektive des Kindes erlebt. Wir werden nie aufhören, davon zu erzählen. Mein Urgroßvater war ein gebrochener Mann. Nachdem er denunziert worden war, hat er mehrere Jahre wegen eines angeblichen Wirtschaftsverbrechens im Gefängnis verbracht. Das schwingt immer mit. Für mich sind meine Großeltern immer da. Nach der Wende konnten sie das Hotel schließlich zurückkaufen. Später haben meine Eltern es übernommen und zu dem gemacht, was es heute ist. So eine lange Familientradition ist etwas Besonderes.

Es ist eine besondere Situation, sich bei den eigenen Eltern zu bewerben. War es leicht, sie zu überzeugen?

Bei diesem Vorstellungsgespräch war ich aufgeregter als bei allen anderen. Ich habe großen Respekt vor allem, was meine Eltern aufgebaut haben. Auf ihr Lebenswerk bin ich stolz. Wir haben das richtig ernsthaft aufgezogen. Ich habe eine Bewerbung geschrieben, in der ich beschrieben habe, wie ich mich in dem Unternehmen sehe und welche Fähigkeiten und Erfahrungen ich mitbringe. Auch im Gespräch musste ich beweisen, dass ich es ernst meine.

Sicher bringen Sie frischem Wind in das Hotel? Welche Ideen konnten Sie bereits umsetzen und was planen Sie für die Zukunft?

Unsere neueste Idee, der neue Wellnessbereich, haben wir im Lockdown umgesetzt. Es war klar, dass er modernisierungsbedürftig war. So haben wir die Gelegenheit beim Schopfe gepackt. Während des laufenden Betriebs wäre die Sanierung undenkbar gewesen. Das war ein richtiges Generationenprojekt. Wir alle haben unsere Ideen und Vorstellungen eingebracht. Der neue Spa-Bereich ist sehr schön geworden, finde ich. Ansonsten habe ich als Neuerung zum Beispiel eingeführt, dass wir einen gemeinsamen digitalen Kalender führen, auf den jeder Zugriff hat. Meine Mutter war anfangs skeptisch, aber inzwischen hat sie sich darauf eingelassen. Auch was die Mitarbeiterführung betrifft, kann ich meine Erfahrung einbringen. Ich glaube, ich habe ein ganz gutes Gespür dafür, was sich die Mitarbeiter wünschen. Dann rege ich öfters an, mal etwas Neues auszuprobieren, Trendsetter zu sein. Letztlich entstehen die neuen Ideen aber im Dialog. Da sind wir inzwischen ein eingespieltes Team.

Sie haben im Juni 2020 als Juniorchefin angefangen. Wenige Monate später kam der lange Lockdown, der den Tourismus bis Juni 2021 fast vollständig zum Erliegen gebracht hat. Ihren Einstieg hatten Sie sich bestimmt anders vorgestellt?

Das war hart. Dass nochmal ein so langer Lockdown kommen würde, damit hatte keiner gerechnet. Natürlich gibt es immer etwas zu tun, aber ein Hotel ohne Gäste ist wie ein Fisch ohne Wasser. Wir sind dann kreativ geworden, wie wir mit unseren Mitarbeitern und Gästen in Verbindung bleiben können. Das Strandhotel Ostseeblick ist während der gesamten Schließphase ein offenes Haus für die Mitarbeiter geblieben. Wir haben regelmäßig Teammeetings abgehalten und uns ausgetauscht, wie es jedem mit der Situation erging. Meine Mutter hat sich in die ganzen mühsamen Verordnungen reingekniet und Corona-Prämien für die Kollegen beantragt. In einer Whats-App Gruppe haben wir uns über Spazierrouten ausgetauscht und Grüße und Postkarten an die Gäste geschickt. Es ging uns darum zu zeigen: „Hey, wir sind noch da!“ Von den Mitarbeitern sind fast alle an Bord geblieben, als Familie haben wir zusammengehalten. Wir sind in dieser Zeit in so Vielem über uns hinausgewachsen. Ich glaube, wir können alle stolz sein.

Haben Sie einen Lieblingsplatz auf der Insel?

Ach, da könnte ich mich gar nicht entscheiden. Ich liebe meine geheime Badestelle. Aber die verrate ich natürlich nicht.