Von der Medizin und der eigenen Kreativität

14.07.2022, von Karina Schulz

Blickwechsel:Der Mediziner und Fotograf Dr. Matthias Gründling pendelt zwischen gegensätzlichen Welten

Als Intensivmediziner und Anästhesist begegnet Matthias Gründling im Berufsalltag dem Ernst des Lebens. Gegenpol und Ausgleich ist die Fotografie. Mit seiner Kamera widmet er sich den schönen Dingen des Lebens: der Natur und seinen Mitmenschen. In seiner Galerie Usedomfotos zeigt Matthias Gründling seine Fotos und bietet Kollegen eine Plattform.

Sie sind in Zinnowitz aufgewachsen und der Insel bis heute treu geblieben. Was mögen Sie an der Insel Usedom, wo finden Sie Ihre Motive?

Die einzigartige Natur, das Hinterland. Früh morgens und abends gefällt es mir auch am Strand. Dabei sind mir der Sonnenaufgang und -untergang gar nicht so wichtig, aber dann ist eben das beste Licht. Im Winter ist die Ostsee fast schöner, besonders bei Nebel. Ich bin gerade dabei zu überlegen, wo wir dieses Jahr Urlaub machen wollen. Bei der Recherche ist mir aufgefallen, dass in Italien die Küste fast überall zubetoniert ist. Dabei ist mir klar geworden, was wir hier für einen Schatz haben. So viel naturbelassener Strand – wo gibt es das?

Schon als Kind haben Sie das Fotografieren für sich entdeckt. Was fasziniert Sie an diesem Hobby?

Meine erste Kamera war eine Pouva Start, zu DDR-Zeiten eine einfache und sehr beliebte Kamera. Die hat mir mein Vater in die Hand gedrückt, als er sich eine neue Spiegelreflex Kamera gekauft hatte. Zunächst habe ich einfach alles fotografiert, was wir gemacht haben. Nach Schulausflügen haben sich alle für die Bilder interessiert und wollten Abzüge haben. Damals habe ich vor allem Dias gemacht. Das Entwickeln in der eigenen Dunkelkammer war nicht so mein Fall. Dafür hätten wir in unserer Wohnung sowieso keinen Platz gehabt. Für manche Fotografen ist das Entwickeln das Wichtigste, für mich war das nie entscheidend. An der Fotografie fasziniert mich, dass ich meine persönliche Sicht auf die Dinge ausdrücken kann. Es war mir früher gar nicht so bewusst, dass ich das schon allein durch die Motivauswahl tue. Heute lenke ich mit meinen Fotos den Blick gezielt auf Themen, die mir wichtig sind. Auftragsfotografie wie Hochzeits- oder Hotelfotografie interessiert mich weniger. Da sehe ich für mich nicht so viel Spielraum für Kreativität.

Vor einigen Jahren haben Sie den Usedomer Fischern mit der Kamera bei der Arbeit über die Schulter geschaut. Dabei ist eine eindrucksvolle Fotoserie über diesen in seiner Existenz bedrohten Usedomer Berufsstand entstanden. Welche anderen Themen liegen Ihnen beim Fotografieren am Herzen?

Die Fischer haben mich fasziniert. Man sieht ihnen die schwere Arbeit an, trotzdem strahlen sie Witz, Humor und Freude aus. Außerdem sind sie das verbindende Element zu dem, was ich sowieso liebe – die Natur. Aus heutiger Sicht sind die Fotos von den Usedomer Fischern ein Zeitdokument. Das war mir vor zehn Jahren nicht bewusst. Wenn ich daran denke, wie beladen die Fischkutter damals nach dem Fischfang waren – randvoll mit Hering. Auf der Rückfahrt waren die Fischerboote oft so schwer, dass sie es kaum über die Sandbänke geschafft haben. Beim Fotografieren interessieren mich die Menschen. Ich fotografiere gerne Menschen, vor allem wenn sie in ihre Tätigkeit versunken sind. Gestellte Portraits mag ich weniger. Zum Beispiel durfte ich einmal beim Usedomer Musikfestival den Meisterkurs des Cellisten David Geringas fotografieren. David Geringas war anfangs sehr skeptisch und befürchtete, dass ich die Intimität und die Konzentration stören könnte. Dann hat er sich doch darauf eingelassen, und so sind von ihm und seinen Meisterschülerinnen sehr schöne Fotos entstanden. Von Anfang an habe ich die Peenemünder Konzerte fotografiert. Viele Jahre habe ich mich bei allen Events auf der Insel akkreditieren lassen: Baltic Fashion Award, Pferdetheater in Bannemin, Baltic Lights oder auch eine Miss-Wahl, die im Kaiserbädersaal stattfand. Dadurch habe ich Erfahrungen gesammelt. Ich musste erst lernen, mich nach vorne zu drängeln und gegen die Profifotografen zu behaupten.

Als Intensivmediziner am Universitätsklinikum Greifswald haben Sie einen ausgefüllten und fordernden Berufsalltag. Trotzdem führen Sie nebenbei in Zinnowitz die Fotogalerie Usedomfotos, in der Sie nicht nur eigene Bilder ausstellen, sondern auch wechselnde Ausstellungen zeigen.

Das ist Ausgleich für mich. In der Intensivmedizin geht es um Leben und Tod, auch bei der Forschung ist mein voller Einsatz gefordert. Der Wechsel schafft Kreativität, und die Beschäftigung mit Fotografie macht den Blick wieder frei. In meiner beruflichen Laufbahn als Arzt habe ich mir auch immer Abwechslung verschafft. Eine Weile bin ich zum Beispiel Rettung geflogen. Das ist etwas ganz anderes als Patienten unter Umständen über lange Zeit auf Station zu betreuen. Natürlich habe ich für die Galerie nicht so viel Zeit, als wenn ich das hauptberuflich machen würde. Das bedeutet aber auch, dass ich entspannter an die Sache rangehe. Mein Motto ist: einfach loslegen, einfach machen.

Wer kann in der Galerie Usedomfotos ausstellen? Wie finden Sie die Themen und Fotografen für die nächsten Ausstellungen?

Ich stelle die Fotografen aus, die ich will (lacht). Als ich die Galerie vor neun Jahren eröffnet habe, war es mir ein Anliegen, erst einmal die Inselfotografen vorzustellen. Ich wollte sie zusammenbringen und den Austausch untereinander fördern. Für zukünftige Ausstellungen habe ich viele Ideen. Der Schwerpunkt liegt auf Natur. Ich könnte mir vorstellen, etwas zum übergreifenden Thema Meer und Wasser zu machen. Eine Ausstellung, die angesichts der Kraft der Natur zeigt, wie klein der Mensch ist. Natürlich versuche ich auch Fotografen auszustellen, die über die Insel hinaus bekannt sind, wie zum Beispiel die Naturfotografen Sandra Bartocha oder Theo Bosboom. Manchmal kommt mir der Zufall zu Hilfe und ich lerne einen berühmten Fotografen wie Guenter Knop kennen. Die Ausstellung "The New Yorker" - Aktfotografie von Guenter Knop war ein großer Erfolg. Manchmal schreibe ich auch Fotografen an, die ich gut finde. Ein Fotograf in Australien, der tolle Unterwasserfotos macht, interessiert mich. Auch hier werde ich meinem Motto „einfach machen“ folgen. Wenn man es nicht probiert …

Sie haben den von der Usedom Tourismus GmbH und Filmemacher Deutschland durchgeführten Fotowettbewerb SUNSPOT Award Usedom als Jury-Mitglied begleitet. Was hat Sie an dem Projekt interessiert, wie haben Sie die teilnehmenden Fotografen erlebt?

Ich hatte die Videos gesehen, die beim Sunspot Award 2020 entstanden sind. Die fand ich beeindruckend. Jetzt war ich gespannt, ob das auch im Bereich Fotografie gelingen würde. In den Kategorien „Angekommen“, „Neugier“ und „Herzlichkeit“ sind in den hundert Stunden wirklich tolle Bilder entstanden. Von der Kategorie, in der die Teilnehmer eine Zukunftsvision für die Insel entwickeln sollten, habe ich mir allerdings mehr erwartet. Gerne hätte ich die Fotografen bei der Arbeit begleitet. Dafür fehlte mir allerdings die Zeit.

Seit Ende Mai sind die besten Fotos, die während des Fotowettbewerbs entstanden sind, in Ihrer Galerie Usedomfotos zu sehen. Nach welchen Kriterien haben Sie die Fotos ausgewählt?

In der Ausstellung zeigen wir die Preisträgerfotos und die Fotos, die mir persönlich am besten gefallen haben. Dabei ging es mir gar nicht so sehr um technische Perfektion. Ich habe mich für die Fotos entschieden, bei denen ich das Gefühl hatte: Ja, das ist Usedom.

Seit vielen Jahren engagieren Sie sich für das Thema Sepsis, um die Früherkennung und Behandlung dieser Erkrankung zu verbessern. Für die Produktion eines Aufklärungsfilms im Rahmen der Kampagne „DeutschlandErkenntSepsis“ haben Sie den Gewinner des Filmwettbewerbs SUNSPOT Award 2020 Romek Watzlawik engagiert. Warum ist Ihnen das Thema Sepsis so wichtig?

Als Intensivmediziner stößt man automatisch auf dieses Thema. Leider kommt Sepsis häufig vor, und leider sterben viele Patienten daran. Internationale Studien belegen, dass rechtzeitige Diagnose und schnelles Handeln viele Todesfälle verhindern können. So setzen wir an der Unimedizin Greifswald seit Jahren konsequent auf Schulung unseres Personals und konnten so die Sterblichkeitsrate unserer Patienten deutlich senken. Dieser Erfolg wurde deutschlandweit wahrgenommen, so dass wir als einziges Krankenhaus an der Kampagne „DeutschlandErkenntSepsis“ mitwirken. Zurzeit erstellen wir Material in Form von Texten, Fotos und Videos, die Krankenhäuser für Schulungszwecke nutzen sollen. Wenn es darum geht, Fotografen und Filmemacher zu briefen, kommt mir meine Beschäftigung mit Fotografie zu Gute.

Sie kennen Ihre Heimatinsel bestimmt wie Ihre Westentasche. Haben Sie einen Lieblingsort auf der Insel?

Zum Fotografieren schaue ich regelmäßig beim Steg am Achterwasser in Neeberg vorbei. Außerdem liebe ich den Gnitz sehr. Und im Winter bei Nebel ist der Schmollensee der Hammer.