Nach dem Sturm am Strand Bernstein finden - usedom.de

21.11.2019, von Susanne Haupt

Thomas Reich spricht über seine Leidenschaft für Bernstein und gibt wertvolle Tipps für Bernsteinjäger

Thomas Reich geht in seiner Bernstein-Werkstatt in Zinnowitz einem traditionsreichen Handwerk nach, indem er Schmuck und Kunst aus dem "Gold der Ostsee" herstellt. Außerdem bietet er mit "Bern-Stein-Reich" geführte Bernsteinwanderungen und spezielle Schleifkurse an. Im Interview verrät der Experte, woher der Bernstein kommt und zu welchen Zeiten man ihn an den Usedomer Stränden am ehesten finden kann. Er erklärt auch, was bei der Suche nach Bernstein unbedingt beachtet werden sollte.

Herr Reich, Sie sind Kunsthandwerker auf Usedom und verarbeiten Bernstein. Was genau machen Sie damit?

Ich bearbeite Bernstein, den ich am Strand von Usedom finde, und mache daraus zum Beispiel Schmuck oder Skulpturen mit Schwemmholz. Wenn ich den Stein sehe, kann ich bereits ungefähr abschätzen, was daraus wird. Als ich irgendwann feststellte, dass es auch Spaß macht, mit anderen Leuten Bernstein zu bearbeiten, hat sich die Idee für die Schleifkurse entwickelt. Diese biete ich für Einheimische und Gäste an. Außerdem mache ich seit 2006 geführte Bernsteinwanderungen, bei denen ich viel Wissenswertes erzähle und natürlich auch Tipps zum Suchen und Finden von Bernstein gebe.

Wann und wie sind Sie zum Bernsteinsammeln gekommen?

Meine Vorfahren sind aus Ostpreußen – dem Bernsteinland schlechthin. Da liegt der Bernstein getreu dem Motto in Hülle und Fülle am Strand herum. Man kann sich nicht in den Sand setzen, ohne erst einmal Bernsteine an die Seite räumen zu müssen.

Ich bin also mit vielen Geschichten zum Thema Bernstein aufgewachsen. Meine Mutter hat immer einen riesigen, klaren Bernstein um den Hals gehabt, der so groß war wie meine Kinderhand. Ich konnte durch diesen Bernstein durchschauen und die Welt wurde für mich Bernstein.

Schon als Kind hat mich das Thema fasziniert und ich wollte immer so einen großen Bernstein haben, wie ihn meine Mutter getragen hat. Ich habe schon im Kindergartenalter mit dem Sammeln angefangen und Bernstein gegen Indianer eingetauscht. Mit der Bearbeitung von Bernstein habe ich 1985 begonnen. Das Atelier gibt es seit 1999.

Der Stein, der gar kein Stein ist...

Was ist Bernstein eigentlich und wo kommt er her?

Bernstein ist eigentlich gar kein Stein, sondern fossiles Harz. Hier auf Usedom haben wir es mit baltischem Bernstein zu tun, den es in sieben Hauptfarben und 250 Unterfarben gibt. Der baltische Bernstein ist 30 bis 60 Millionen Jahre alt und stammt aus dem Bereich Baltikum, also dem heutigen Russland. In der Königsberger Region ist der meiste Bernstein zu finden. Aber im Laufe der Erdgeschichte wurde der Ostseeboden mit dem Stein gut durchsetzt. Wir hier können also die Seesteine finden, wohingegen im Rest der Welt nach Bernstein gegraben wird. Es gibt ihn also nicht nur im Meer, wie viele meinen.

Suchen Sie Ihren Bernstein immer selbst?

Ja, ich suche meinen Bernstein am Strand, im Wasser und an Land selbst – überall dort, wo es erlaubt ist.

Welche Tipps können Sie Urlaubern geben, die auf Bernsteinjagd gehen wollen? Wie können sie ihre Erfolgschancen erhöhen?

Es ist immer eine gute Idee, nach den Stürmen auf die Suche zu gehen. Es sollte dabei möglichst auflandigen Wind haben. Also die See sollte auf das Land geblasen werden. Wasserstandsunterschiede sind ebenfalls ein großer Vorteil.

Ein Beispiel: Der Wind bläst drei Tage lang Land ab. Das heißt, das Wasser wird von dem Wind weggebracht und in Richtung Skandinavien gedrückt. Irgendwann kommt es dort an und dann ist auch egal, wie der Wind ist, weil das Wasser durch die Schwerkraft zurückkommt. Dann gibt es ein vermeintliches Hochwasser, das auch Bernstein mit sich bringen kann.

Wobei zu sagen ist, dass Bernstein im Ostseewasser nicht schwimmt. Das ist ein Ammenmärchen. Es kann maximal schweben und wird durch Wellen an Land gespült. Deshalb ist es auch gut, wenn ein bisschen Seetang oder das sogenannte Rollholz im Wasser ist, in dem sich der Bernstein verhängt und an Land getrieben wird. Prinzipiell kann jede Welle einen Bernstein bringen – selbst wenn die ungünstigsten Bedingungen herrschen.

Achtung: Bernstein kann leicht mit Phosphor verwechselt werden

Was muss bei der Suche nach Bernstein beachtet werden?

Bernstein kann von Laien leicht mit Phosphor verwechselt werden, der nicht natürlich in der Ostsee vorkommt, sondern aus den Brandbomben der Alliierten stammt. Das ist der Typ Brandbomben, der die großen Städte wie Berlin, Leipzig und Dresden verwüstet hat.

Bei uns auf Usedom befand sich die Heeresversuchsanstalt Peenemünde, die mittels der Bomben natürlich auch zerstört werden sollte. Einige dieser Bomben sind auch im Wasser gelandet. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit, dass man mit Phosphor kontaminiert wird, noch gegeben. Der letzte mir bekannte aktenkundige Fund auf der Insel war im August 2017.

Wer aber hellwach ist beim Bernsteinsuchen, der kommt eigentlich nicht in Gefahr. Denn es gibt ein paar Anhaltspunkte, anhand derer man Phosphor von Bernstein unterscheiden kann. Phosphor stinkt zum Beispiel, während Bernstein geruchsneutral ist. Außerdem ist Bernstein durchsichtig. Und er klingt anders als Phosphor. Weil er weich ist, hat er einen dumpfen Klang, wenn man ihn gegen einen anderen Gegenstand klopft. Wer es ganz genau wissen möchte, der kann sich eine gesättigte Salzlösung anrühren und die Standfunde hineingeben. Alles, was nach oben aufsteigt, ist Bernstein und was unten liegen bleibt ist mineralisch.

Der schlaue Bernsteinjäger soll gemäß Lehrmeinung mit einem mit nassem Sand gefüllten, verschließbaren Metallgefäß auf die Suche gehen und die Funde darin aufbewahren. Handelt es sich bei dem vermeintlichen Bernstein um Phosphor und steckt man ihn sich in die Hosentasche, kann er sich dort entzünden und zu schwersten Brandverletzungen führen. Bernstein brennt zwar auch, daher hat er auch seinen Namen, man muss ihn allerdings aktiv anzünden, während Phosphor selbstständig und auch viel stärker brennt.

Gibt es heute mehr oder weniger Bernstein als früher?

Ich bin der subjektiven Meinung, dass die Funde tatsächlich etwas zurückgegangen sind. Das hat ein bisschen was mit dem Klima zu tun, das sich insgesamt verändert. Kaltes Wasser hat eine höhere Dichte als warmes Wasser, weshalb man im Winter auch mehr Bernstein finden kann als im Sommer. Wenn sich die Meere nun durch den Klimawandel erwärmen, kommt auch weniger Bernstein an Land.

Wie ist Ihre Beziehung zu Usedom? Sind sie ein gebürtiges Inselkind?

Ja, ich bin zwar ein Inselkind, allerdings wurde ich auf Rügen geboren, auch wenn viele Gäste mich als Usedomer Original bezeichnen. Die Liebe hat mich dann nach Usedom verschlagen.

Welcher ist Ihr Lieblingsplatz auf Usedom?

Ich finde den Hafen Zempin sehr schön, weil es noch ein Naturhafen ist. Ich komme aus dem maritimen Bereich und mag diese rustikalen Ecken. Hier gibt es noch Fischerboote und hier stehen Netzstangen rum. Der Hafen ist nicht so steril wie viele andere mittlerweile.

Vielen Dank für das spannende Gespräch über Bernstein!

Das Interview führte Herr Koprek im Auftrag der SEMSEO GmbH für usedom.de am 29.10.2019.

Urlaubs-Tipp: Nach der Bernsteinjagd am Strand kann man es sich auf Usedom in einem der Wellnesshotels richtig gut gehen lassen. Lesen Sie hier!