Rika Harder ermöglicht mit ihrem alten Zeesenboot einen ganz anderen Blick auf Usedom

03.09.2019, von Lisa Willenberg

Einst haben Fischer mit dem Zeesenboot von Rika Harder ihren Fang aus dem Meer geholt. Seit mittlerweile über 20 Jahren macht die Kapitänin Einheimische und Touristen mit Ausflugsfahrten glücklich. Auf diesen können sie die Insel Usedom aus einer ganz anderen Perspektive kennenlernen.

Frau Harder, zuallererst müssen Sie uns erklären, was ein Zeesenboot überhaupt ist.

Das Zeesenboot ist ein ehemaliges Fischerboot, das in der vorpommerschen Küstenlandschaft existierte. Die Zeese hat dem Boot seinen Namen gegeben. Die Zeese war das Fischernetz. Das Boot wurde quertreibend bewegt und so wurde vor Jahrhunderten – bis in die 1960er-Jahre – gefischt.

Wie sind Sie zu Ihrem Zeesenboot gekommen?

Mein Vater, der Kapitän war, hat das Zeesenboot 1972 gekauft, nachdem die Zeesenbootfischerei zum Erliegen gekommen ist. Mein Vater gehörte zu den Enthusiasten, die die Boote, die sehr gute Segeleigenschaften besitzen, erhalten wollten. Er hat es dann erst einmal als Sportboot genutzt.

Schiff ahoi!... Die Segel gesetzt und raus auf das Achterwasser!

Sie bieten mit Ihrem Zeesenboot von Mai bis Oktober etwa eineinhalbstündige Segelausflüge an. Was kann man dabei sehen und erleben? Muss man Segelkenntnisse mitbringen?

Nein, niemand muss Segelkenntnisse mitbringen. Aber wenn es das Wetter zulässt, darf jeder der will auch mal steuern oder die Segel setzen. Auch Kinder, aber natürlich alles freiwillig. Wer keine Lust hat, kann auch einfach nur die Natur genießen.

Das Schöne ist, dass während der Fahrt ja nur die Geräusche der Natur zu hören sind. Also vor allem Wind und Wasser. Den Motor nutzen wir so selten wie möglich. Und allein diese Ruhe ist für die meisten Menschen traumhaft, weil sie im Alltag einfach Mangelware ist.

Dazu kommen noch die Wolken und die Sonne, die dazwischen scheint. Die zahlreichen Wasservögel. Das Wasser schimmert smaragdgrün und changiert in allen möglichen Farben. Und dann ändert sich das Naturschauspiel auch noch von Stunde zu Stunde. Natur pur!

Was tun Sie, wenn einmal Flaute herrscht? Bei welchem Wetter können Sie mit dem Schiff nicht rausfahren?

Es ist sehr selten, dass mal eine Fahrt ausfällt. Wenn das Wetter mal schlecht ist, weil es zum Beispiel ein Gewitter gibt, dann warten wir das ab und beobachten die Wetterlage. In der Regel zieht es schnell durch und hinterher gibt es meist wieder Sonnenschein.

Flaute ist auch extrem selten, weil eigentlich permanent thermische Winde auftreten. Die Gäste denken an Land dann immer, dass es doch gar keinen Wind gibt. Aber ich sage dann immer: "Warten Sie mal ab, die Klimaanlage springt gleich an!" Und wenn es so heiß ist, wie im letzten und in diesem Jahr, ist es natürlich herrlich angenehm auf dem Wasser. Es heißt ja nicht umsonst "Sonneninsel Usedom" (lacht)!

Segeln – der schönste Beruf der Welt!

Wie ist es dazu gekommen, dass Sie das Segeln zu Ihrem Beruf gemacht haben?

Ich habe verschiedene Stationen im Osten und im Westen absolviert. Ich habe erst in Leipzig, dann in West-Berlin studiert. Und dann stand das Boot da, mein Vater war alt, und wir haben überlegt, was wir damit machen. Dann kam mir die Idee, es als Ausflugsboot zu nutzen, weil ich ähnliches schon von Freunden kannte.

1998 habe ich es dann einfach angepackt und bin seit über 20 Jahren dabei. Es hat sich wirklich prima entwickelt. Mittlerweile ist man eine Marke und die Leute kommen gezielt. Sie sind dankbar für das Angebot und verlassen das Segelschiff mit glücklichen Augen. Das ist ein toller Lohn und macht wirklich Spaß.

Deshalb bin ich selbst sehr glücklich über meinen Job, weil man die Menschen eben nicht in jedem Beruf so glücklich machen kann, wie in meinem. Ich kann da wirklich aus dem Vollen schöpfen!

Vom Zeesenboot aus haben Sie und Ihre Gäste einen ganz anderen Blick auf Usedom. Wie nehmen Sie die Insel vom Wasser aus wahr?

Dort, wo ich mich bewege, in der Krumminer Wiek, ist alles sehr unberührt. Dass es so unverbaut und naturnah ist, wissen auch die Leute zu schätzen und genießen es. Und das nehmen die Menschen vom Wasser aus auch ganz bewusst wahr.

Gibt es ein besonderes Erlebnis, dass Sie auf Ihrem Zeesenboot erlebt haben und von dem Sie uns berichten können?

Es gibt viele besondere Erlebnisse. Einmal hat zum Beispiel ein junger Mann das ganze Schiff gebucht und wollte zu der Fahrt auch Champagner haben, den ich dann besorgt habe. Dann kam er mit seiner Freundin und sagte, dass das eine Überraschung sein soll.

Leider war an dem Tag total mieses Wetter mit Dauerregen, den wir wie gesagt selten haben. Es war also windig und regnerisch und ich habe nicht verstanden, was er mit seiner Freundin gesprochen hat. Aber irgendwann schaute er zu mir rüber und sagte: "Sie hat ja gesagt!" Er hat ihr also einen Heiratsantrag gemacht und dann haben die beiden im Regen den Champagner geschlürft.

Warum würden Sie Usedom Seglern als Segelrevier empfehlen?

Ich bin mit dem Boot ja schon weltweit unterwegs gewesen, aber hier auf Usedom ist die Landschaft einfach einmalig schön. Es ist ein sehr geschütztes Revier, das gut für Anfänger geeignet ist. Die Insel bietet viele kleine, schöne Häfen. Es gibt Naturhäfen und Stadthäfen, mit jeweils ganz unterschiedlichem Flair. Und auch die polnische Seite hat viel zu bieten.

Sind Sie ein Inselkind?

Ich bin nicht direkt auf der Insel aufgewachsen, aber mit Blick auf Usedom. Ich komme aus Mönkebude. Für unsere gesamte Familie war Wasser immer etwas Verbindendes und nicht etwas Trennendes. Auch in der Geschichte war das eigentlich immer der Fall. Es gab wenig Straßen und Brücken und man hat den Wasserweg viel intensiver genutzt. In den letzten Jahren hat sich die Sichtweise leider gewandelt und Wasser wird als etwas Trennendes empfunden. Das finde ich sehr schade!

Was ist Ihr persönlicher Lieblingsplatz auf Usedom, wenn Sie nicht gerade segeln?

Da, wo ich mich alltäglich aufhalte, ist es ja sehr ländlich. Ich persönlich fahre deshalb gern mal nach Swinemünde. Das ist etwas urbaner. Aber im Sommer mache ich das auch selten, dann ist es dort zu voll.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Herr Koprek im Auftrag der SEMSEO GmbH für usedom.de am 09.08.2019.

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