Entschleunigung auf dem Achterwasser

20.08.2020, von Konstanze Eichner

Jane Bothe steuert einen 112 Jahre alten Frachtsegler, der heute Touristen befördert

Kapitänin Jane Bothe kaufte mit der "Weissen Düne" 2011 einen über hundert Jahre alten Frachtsegler aus den Niederlanden. Seitdem bietet sie gemeinsam mit ihrem Mann und ihrem Team verschiedene Segelausflüge an, bei denen vielfach auch die Kulinarik eine große Rolle spielt.

 

Frau Bothe, Sie bieten mit der "Weissen Düne" vielfältige Segelausflüge an. Was können Sie uns zu Ihrem Schiff erzählen?

Die "Weisse Düne" ist ein holländisches Plattbodenschiff. Das ist ein alter Frachtensegler von 1907, gebaut in den Niederlanden. Der hat früher in einer Flotte mit ca. 1.000 anderen Frachtschiffen Holzkohlen und Kartoffeln gesegelt. Das sind die ersten genieteten Stahlschiffe der Niederländer. Die Deutschen haben die Frachtsegler damals noch in Holz gebaut. Weil die Niederländer schon Stahl nahmen, ist diese Flotte noch vorhanden.

Das Schiff wurde natürlich mehrmals umgebaut. In den 1940er-Jahren kam der erste Motor hinein. Danach kamen die Masten und Segel weg und das Schiff ist motorisiert weitergefahren. Die "Weisse Düne" hat es in der Flotte am längsten ausgehalten: bis 1999 war es in der Frachtfahrt! In den letzten Jahren war das Schiff der Versorger der Nordseeinsel Norderney mit Baustoffen. Deshalb wurde der Segler auch nach dem gleichnamigen Ort auf der Nordseeinsel benannt.

Auch Landratten können mitsegeln!

Muss man Segelkenntnisse mitbringen, um bei Ihnen als Ausflugsgast anheuern zu dürfen?

Nein, wir fahren für auch für absolute Landratten (lacht). Aber jeder der will, darf unter unserer Anleitung mit anpacken. Wir klettern mit den Gästen sogar in den Mast.

Was kann man bei einer Fahrt mit der "Weissen Düne" erleben?

Wenn man es auf ein Wort begrenzen möchte, dann erlebt man auf der "Weissen Düne" Entschleunigung. Weil alles so langsam geschieht und die Passagiere dem Schiff ausgeliefert sind, werden die Gäste quasi zur Entschleunigung gezwungen.

An Bord erzähle ich ganz am Anfang ganz viel zur Geschichte der Frachtfahrt und zur "Weissen Düne". Wer Lust hat, kann während der gesamten Tour auch noch mehr dazu erfahren. Außerdem bieten wir Knotenkunde an.

Und was natürlich ein Highlight ist, das ist das Segelsetzen. Wir setzen bei jeder Tour Segel – ob wir damit vorankommen, kann ich natürlich nicht versprechen. Flaute ist Flaute, dann muss der Motor dazu genommen werden. Wenn wir Sturm haben, können wir nur zwei Segel setzen. Aber grundsätzlich wird bei jeder Tour gesegelt!

Sie bieten ja eine ganze Reihe an verschiedenen Touren an. Sei es tagsüber oder abends, mit Brunch oder Dinner, Bier- oder Weinverkostung. Was ist Ihre persönliche Lieblingstour?

Das kann ich Ihnen gar nicht sagen, weil es bei mir wirklich die Mischung macht. Aber ich finde den Naturhafen von Neppermin wirklich klasse, weil der in einer geschützten Bucht liegt und einen traumhaften Sonnenuntergang bietet. Gerade auch, wenn die Mannschaft dann Feierabend hat. Allerdings kann man da nicht mal schnell was essen oder trinken. Wenn wir als Mannschaft dort ankommen, dann hat schon alles zu. Deshalb freuen wir uns jeden Donnerstag auf Peenemünde, denn dort gibt es den "Kragenhai". Das ist eine Seemannskneipe, in der die Mannschaft auch noch versorgt wird. Für mich macht also die Kombi aus den Leuten, den Häfen und der Abwechslung den Reiz aus.

Für die Gäste finde ich die Dinner-Tour toll, weil es einfach auch kulinarisch ein Highlight ist. Mein Favorit in diesem Jahr ist die Picknick-Tour nach Gager. Wir merken, dass die Passagiere von dieser Tagestour noch mehr geflasht sind, als von den Kurztouren. Die Gäste kommen schon mit einer ganz anderen, viel entspannteren Haltung an Bord und genießen es viel mehr.

Weg vom Trubel: Naturidylle auf dem Achterwasser

Von der "Weissen Düne" blicken Sie und Ihre Gäste ganz anders auf Usedom, als es die Mehrzahl der Einheimischen und Touristen tut. Wie nehmen Sie die Insel vom Wasser aus wahr?

Gerade in dem Gebiet, wo ich mich aufhalte – also Achterwasser, südliche Peene und zum größten Teil den Greifswalder Bodden – ist unglaublich wenig Verkehr auf dem Wasser. Deswegen ist es so idyllisch. Man hat fast das Gefühl, dass man alleine auf dem Wasser ist. Dadurch hat auch der Blick aufs Land noch eine ganz andere Komponente, weil die Natur unglaublich viel Ruhe ausstrahlt.

Es ist also genau das Pendant zu Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck. Man hat hier wirklich das Gefühl, dass man alleine auf der Welt ist. Und vom Wasser aus sind natürlich auch die Vögel des Vogelschutzgebietes super zu beobachten. Unsere Gäste sind oft erstaunt, wie groß das Wassergebiet ist und wie unentdeckt.

Wie ist Ihre Liebe zur Schifffahrt entstanden? Warum wollten Sie unbedingt Kapitänin werden?

Ich glaube, das wurde mir schon in die Wiege gelegt, obwohl ich keine Familie habe, die eine besondere Affinität zum Wasser hat. Ich bin in Berlin groß geworden und jedes Fahrgastschiff hat mich schon als Kind begeistert. Durch das Jugendrotkreuz in Berlin hatte ich dann mit zehn Jahren die Möglichkeit, auf die alten Segler in den Niederlanden zu kommen. Und da dachte ich dann schon: Jo, das wäre was für mich! Vor allem, weil in den Niederlanden auch ganz viele Frauen fahren. Da wusste ich noch gar nicht, dass die Schifffahrt in Deutschland bei den Frauen gar nicht so populär ist.

Ich wollte dann die Ausbildung machen, durfte es von zu Hause aus aber nicht, weil ich etwas Anständiges lernen sollte, wie Bankkauffrau oder Hotelfachfrau. Dann habe ich erst Kunst studiert und bin letztlich über Umwege zur Schifffahrt gekommen. Die Ausbildung habe ich dann später zusammen mit meinem Mann auf der Seefahrtschule in Enkhuizen gemacht, als wir schon Kinder hatten.

Was ist Ihr persönlicher Lieblingsplatz auf Usedom? Abgesehen von der "Weissen Düne" natürlich!

Ich persönlich finde die Seenlandschaft auf Usedom sehr spannend, also Gothensee, Schmollensee, etc. Und am schönsten finde ich das Achterland Richtung Lieper Winkel. Gerade die Region Neppermin und was sonst noch alles dahinterkommt, das ist eine traumhafte Ecke, die man auch bei der Inselsafari gezeigt bekommt. Hier hat man ebenfalls das Gefühl, dass man allein auf der Welt ist. Ich bin schon mit einem Ultraleichtflieger über die Insel geflogen und die Usedomer Seenlandschaft sieht auch aus der Luft einfach wahnsinnig aus!

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Herr Koprek im Auftrag der SEMSEO GmbH für usedom.de am 09.08.2019.

Urlaubs-Tipp: Wer jetzt noch nicht seekrank ist, der kann auch auf dem alten Zeesenboot von Rika Harder mitsegeln!