Die einzigartigen Küstenwälder Usedoms

27.01.2021, von Karina Schulz

Forstamtsleiter Felix Adolphi spricht über die Schönheit und die Besonderheiten der Usedomer Wälder

Felix Adolphi wurde im Alter von 34 Jahren der jüngste Forstamtsleiter in Deutschland. Als Oberförster von Neu Pudagla ist der Greifswalder für 12.000 Hektar Wald auf Usedom verantwortlich. Im Interview spricht er über die Besonderheiten des Küstenwaldes, den ersten Kur- und Heilwald Deutschlands sowie seinen liebsten Wanderweg auf der Insel.

Herr Adolphi, seit wann sind Sie Förster auf Usedom?

Seit Dezember 2015 leite ich das Forstamt Neu Pudagla. Vorher war ich in der Zentrale der Landesforst Mecklenburg‑Vorpommern tätig, wo ich für Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung zuständig war. Usedom war deshalb für mich interessant, weil es ein relativ untypisches Forstamt ist. Neben dem Forstbetrieb, den wir dort im Landeswald betreiben, sind wir besonders im Bereich Forsthoheit und Öffentlichkeitsarbeit gefordert.

Wie viel Wald und welchen Wald hat Usedom zu bieten?

Ein Drittel der Insel ist mit Wald bedeckt, das sind 12.000 Hektar. Das ist zwar nicht besonders viel, aber der Waldflächenanteil auf Usedom ist höher als im Rest des Landes. Für die kompletten 12.000 Hektar sind wir als Untere Forstbehörde verantwortlich und müssen zum Beispiel darüber wachen, dass das Landeswaldgesetz eingehalten wird. Knapp 5.000 Hektar dieses Waldes sind Landeswald, den wir bewirtschaften. Das heißt also Wald pflegen, Holz ernten, Bestände verjüngen, Wege bauen und jagen.

Der Wald auf Usedom zeichnet sich dadurch aus, dass er sehr stark zerschnitten ist – also die Waldgebiete oft durch Verkehrswege und Gemeinden unterbrochen werden. Ein Großteil des Waldes erstreckt sich entlang der Küste. Das sind eher schmale, langgestreckte Waldgebiete, zwischen denen immer wieder Gemeinden liegen und Wege zum Strand führen. Dass der Wald bis zur Ostsee heranreicht, macht natürlich seinen Reiz aus. Für uns als Förster macht es die Bewirtschaftung aber nicht unbedingt leichter, weil auf touristische Belange geachtet werden muss.

Etwa 40 Prozent auf Usedom sind Laubwald und 60 Prozent sind Nadelwald. Die Hauptbaumarten sind Kiefern und Buchen. Langfristig soll die Fläche der Buchen die der Kiefern übersteigen.

Wodurch zeichnet sich insbesondere der Küstenwald auf Usedom aus?

Wenn man in Peenemünde in den Wald geht, stellt man fest, dass es sich um einen Kiefernwald handelt, der auf sandigen Böden steht. Es handelt sich um ein ganz sensibles Ökosystem, wo sich aufgrund des Nährstoffmangels eine bestimmte Pflanzengesellschaft einstellt. Die Besonderheit aller Küstenwälder liegt darin, dass sie von der hohen Luftfeuchtigkeit der Ostsee profitieren und damit trotz geringer Niederschläge bei guter Gesundheit bleiben.

Wenn man weiter nach Südosten schaut, dann gibt es auch Buchenwälder, die bis an die Küste heranreichen. Die stehen auf Böden, die einen höheren Lehmanteil enthalten. Den Buchen ist natürlich anzusehen, dass sie an der Küste dem rauen Wetter ausgesetzt sind. Den Kronen sieht man zum Beispiel die starken Winde von der Ostsee her an. Auch das Laub auf den Böden wird ausgeblasen, was dazu führt, dass die Vegetation an der Oberfläche nicht durch sehr viele Nährstoffe versorgt wird.

Der Wald an der Küste ist nicht nur ästhetisch eine Besonderheit, er schützt die Küste auch an vielen Stellen. Deshalb ist er durch das Landeswaldgesetz besonders geschützt.

Sie haben schon angedeutet, dass der Küstenwald mit Trockenheit besser zurechtkommt. Wie hat sich die Dürre der vergangenen Jahre auf die Gesundheit der Usedomer Wälder ausgewirkt?

Der Grundwasserspiegel ist wegen der Dürre erheblich zurückgegangen. Er liegt inzwischen bis zu 1,5 Meter tiefer als sonst. Das macht den Bäumen natürlich zu schaffen. Wir kontrollieren den Waldzustand sehr eng, in erster Linie durch die genaue Beobachtung der Kronen und der Belaubung.

Ein deutliches Anzeichen dafür, dass die Bäume geschwächt sind, ist zum Beispiel, dass die Eichen auf der Insel im vergangenen Jahr sehr viele Eicheln getragen haben. Üblicherweise vermehrt sich die Eiche nur alle sieben bis zehn Jahre mit einer sogenannten Vollmast. Weil die Rahmenbedingungen so schlecht waren, kriegen die Bäume quasi Panik und versuchen um jeden Preis, noch eine Nachkommenschaft in die Welt zu setzen. Deshalb wurden im letzten Jahr umso mehr Eicheln produziert, was den Baum aber wiederum schwächt, weil dafür ein erheblicher Energiebedarf notwendig ist. In diesem Jahr haben wir das Gleiche bei den Buchen beobachtet.

Was an Niederschlag fehlt, können die Bäume auf Usedom ganz gut durch die erhöhte Luftfeuchtigkeit kompensieren. Aber Kompensieren heißt ja nur, dass sich Probleme und Schäden nicht gleich bemerkbar machen. Die Bäume leiden trotzdem. Und ich rechne auch damit, dass die Gesundheit gerade dieser zwei Arten in den kommenden Jahren schlechter sein wird, als ich es mir wünsche. Ich habe aber die Hoffnung, dass es hier nicht so drastisch ausfällt wie in anderen Landesteilen weiter im Süden.

Europas erster Kur- und Heilwald liegt auf Usedom

Seit 2016 besitzt Usedom den ersten Kur- und Heilwald Deutschlands. Was genau muss man sich darunter vorstellen?

Der Kur- und Heilwald befindet sich im Eigentum der Gemeinde Heringsdorf. Damit folgt die Gemeinde einer Tradition von Gesundheits-, Kur- und Heilangeboten, die dort in diesem Seebad schon immer angeboten wurden. Im Wald wurden schon früher beispielsweise Leibesübungen durchgeführt und es gibt Relikte von Tennisplätzen im Wald. Das Ganze hat hier also eine lange Tradition, die nun durch die Gemeinde in Zusammenarbeit mit dem Forstamt wieder aufgenommen wurde.

Mit dem Kur- und Heilwald wollen wir nicht unbedingt nur die Menschen ansprechen, die ohnehin schon regelmäßig zum Sporttreiben in den Wald gehen. Es geht um die Menschen, die aufgrund körperlicher oder mentaler Beeinträchtigungen daran gehindert werden, in den Wald zu gehen. Wir haben eine Infrastruktur mit barrierefreien Wegen geschaffen, damit auch Menschen den Wald aufsuchen können, denen das ansonsten nicht möglich ist.

Über Tafeln werden die Besucher darüber informiert, wie der Wald auf sie wirkt und sie werden animiert, bestimmte Übungen durchzuführen. Außerdem nutzt ein kleiner Kreis von Physio- und Ergotherapeuten den Kur- und Heilwald, um hier gemeinsam mit Patienten Übungen durchzuführen. Und es gibt sehr viele Führungen zu dem Thema Wald und Gesundheit, die vom Forstamt und von der Kurverwaltung angeboten werden.

Im Kur- und Heilwald gibt es ein Verbot für Smartphones. Sie laufen aber nicht
durch den Wald und verteilen Strafzettel, wenn man das Handy in der
Hand hat?

Es gibt in der Tat eine Verordnung, in der steht, dass auf die Nutzung mobiler Datenendgeräte verzichtet werden soll. Wir versuchen die Besucher damit zu mehr Achtsamkeit zu erziehen. Sie sollen auf die Natur und sich selbst hören, wobei natürliche jede Ablenkung wie das Smartphone hinderlich ist.

Gleichzeitig nutzen die Waldbesucher aber ihre Smartphones, um sich zu orientieren und zu informieren. Das heißt, das Verbot wird von uns nicht durchgesetzt. Wenn ich jemanden mit dem Handy im Kur- und Heilwald sehe, spreche ich ihn möglicherweise darauf an, aber es gibt keine Strafzettel oder ähnliches. Zumal es sogar eine eigene App für den Kur- und Heilwald gibt.

Die schönsten Wanderwege führen durch den Wald

Verraten Sie uns zum Schluss bitte noch Ihren Lieblingsort auf Usedom. Welches Waldstück müssen Gäste gesehen haben oder welchen Wanderweg sollten sie unbedingt beschreiten?

Was auf Usedom sicherlich einmalig ist, das ist der wunderschöne Wald entlang der Ostseeküste. Dank der Usedomer Bäderbahn ist jeder in der Lage, auch eine Wanderung in nur eine Richtung zu vollziehen und den Rückweg mit der Bahn zu bestreiten. Ich würde den Leuten empfehlen, zum Beispiel zwischen den Kaiserbädern und Ückeritz den Weg an der Ostseeküste zu laufen. Der Abschnitt zwischen Bansin und Ückeritz ist sehr schön. Den Wanderweg gehe ich gern auch privat.

Ansonsten ist der Wald im Südosten der Insel herrlich, weil er weit weg von der Ostseeküste liegt und nicht so stark frequentiert wird. Hier gehe ich mit meiner Familie auch in der Freizeit spazieren und Pilze sammeln.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Herr Koprek im Auftrag der SEM SEO GmbH für usedom.de am 09.12.2019.

 

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